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30.4.2017 : 10:58 : +0200

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Wirklich "Volle Haftung für Pistenkante"?

Zur Frage der Absicherung des Pistenrandes ist aktuell ein Urteil ergangen, das - zumindest in Tirol - für erhebliche Verunsicherung bei Skigebietsbetreibern gesorgt hat.

So wurde zB die Meinung geäußert, es müsse ab sofort jeder Pistenrand auch für Unfälle von abfahrenden Tourengehern gesichert werden ("Volle Haftung für Pistenkante"). Mit diesem Beitrag möchte ich zu einer Objektivierung der Diskussion beitragen:

Der Sachverhalt dieser Entscheidung stellt sich so dar, dass ein Tourengeher eine "Tourenkarte" gekauft hat, mit welcher er die Anlagen des Skigebiets einmalig - zur Erleichterung des Aufstiegs - benutzen konnte. Bei der Abfahrt nach seiner Skitour befuhr er auch eine markierte und präparierte Piste. Dabei gelangte er in einen Bereich, in welchem die Piste eine scharfe Linkskurve beschreibt. Der Innenbereich dieser Kurve wird üblicherweise von zahlreichen Skifahrern bei der Abfahrt befahren und von Tourengehern beim Aufstieg benutzt. Dieser Innenbereich war daher zum Unfallszeitpunkt stark verspurt und "pistenähnlich".

Da im Bereich dieser scharfen Linkskurve keine Randmarkierung - sondern lediglich oberhalb und unterhalb der Kurve jeweils eine Stange - vorhanden war, kam der Tourengeher auf Grund von schlechten Sichtverhältnissen im Bereich dieser Kurve von der Piste ab. Als er versuchte, von dort wieder auf die Piste zu gelangen, stürzte er über die ca. 60 cm hohe Kante der unterhalb vorbeiführenden Piste, die dort auf Grund der Präparierung entstanden ist.

Das Gericht verurteilte den Betreiber des Skigebietes wegen der mangelhaften Pistenrandmarkierung, die Ursache dafür war, dass der Kläger ungewollt von der Piste abkam und dann über die ca. 60 cm hohe Kante weiter unterhalb stürzte.

Entgegen den Pressemeldungen stellt dieses Urteil meiner Meinung nach keine Verschärfung der Haftung dar: Wäre im Bereich der scharfen Linkskurve eine ausreichende Randmarkierung vorhanden gewesen, dann wäre der Tourengeher nicht unbemerkt von der Piste abgekommen und müsste er sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er selbst ausgewählt hat, ins freie Gelände einzufahren. Im freien Gelände und auch bei seiner Rückkehr auf die Piste ist er dann selbst für eine ausreichende Beobachtung des Geländes verantwortlich und müsste er entsprechend aufmerksam fahren, um auf mögliche Hindernisse reagieren zu können.

Meiner Meinung nach ist diese Entscheidung auch inhaltlich unrichtig, da das Gericht davon ausgegangen ist, dass der Tourengeher - auf Grund des Kaufs der "Tourenkarte" - den Schutz der vom Betreiber zu erbringenden Pistensicherungspflicht genießt. Es steht allerdings fest, dass der Kauf der Liftkarte nicht zur Benützung des Skigebietes erfolgte, sondern lediglich deshalb, um dem Tourengeher einen Teil des Aufstiegs "abzunehmen". Vertragsgegenstand ist daher nur die Beförderung bergwärts und nicht auch die Benutzung der Pisten. Daher ist es meiner Meinung nach unrichtig, wenn das Gericht ausspricht, dass der Tourengeher sich auch auf die Pistensicherungspflicht des Betreibers stützen kann.

Zusammengefasst bedeutet dieses Urteil keine Verschärfung der Haftung, darüber hinaus ist es inhaltlich unrichtig, da sich der Tourengeher nicht auf die vertragliche Pistensicherungspflicht stützten kann.

27.02.2012 15:58 Alter: 5 Jahre